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Prof. Dr. Helge Bathelt


Gina Plunder
Architektur und  Mensch

Malerei und Zeichnung

Ausstellung in der
Surgical Academy Gallery bei Maquet
18. 10. 2008 – 20. 02. 2009

Einführung
Prof. Dr. Helge Bathelt


Wer glaubt, dass Kunsthistoriker die Kunst lieben, der glaubt auch, dass der immer noch aktive Marcel Reich-Ranicki die Literatur liebt. 
Kenntnisse im Bereich der Künste werden erworben, damit abschätzige Urteile fundiert getroffen werden können. Außerdem sind Kenntnisse immer elitär, denn sie grenzen den Kenner so wunderbar von der Masse der Barbaren, Ignoranten und Wüstlinge ab, die sich im Schlamm ihres „Das gefällt mir“ auch noch suhlen!

Im Bereich der Bildenden Künste beispielsweise ist es unabdingbar, Kenntnisse dadurch nachzuweisen, dass das jeweilig betrachtete Werk aufgespießt wird wie ein Insekt, verglichen wird, bestimmt wird, eingeordnet wird in eine Spezies und als „erledigt“ abgelegt werden kann.

Wer hätte wohl bei den Architekturspiegelungen von Gina Plunder an Oskar Schlemmers Raumlineaturen gedacht, die vor Mitte der 20er Jahre in einiger Dichte entstanden?
Wer dächte bei den Faltungen an das späte Quattrocento?
Wer kann angesichts der Personenstaffagen vor zwei Hintergründen dieser Künstlerin sofort vergleichend Lucas Samaras „Korridor“ von 1970 abrufen? Erschwerend kommt hinzu, dass selbst ein kunstinteressiertes Publikum Lucas Samaras nicht unbedingt kennen wird und auch nicht überprüfen kann, ob der Vergleich stimmt. Je entlegener die Referenz, desto durchschlagskräftiger wirkt sie.

Gefährlich wird das eher dann, wenn wir die Weltkunst zum Vergleich herbeizitieren und die Zeichnung von Gina Plunder mit der Leonardos und Raffaels oder wenigstens Picassos in Verbindung brächten.
Warum eigentlich nicht?
In der Marina-Sammlung gibt es Zeichnungen Picassos zu Themen von Velázquez, in denen er alle erdenklichen Zeichentechniken virtuos durchspielt und dabei natürlich auch die Umrisszeichnung. 
Sie provoziert einen Eindruck des In-sich-Gekehrten, der Zartheit und Verletzlichkeit, den die Technik konsequent einsetzt, um eine beabsichtigte Wirkung bestmöglich zu erzielen. Eben diesen introvertierten Eindruck vermittelt manches aus dem zeichnerischen Werk Leonardos und bei der Zartheit und Verletzlichkeit dürfen wir uns sehr wohl Raffaels erinnern.

Damit räumen wir den Eindruck ab, dass das Heranziehen großer Namen bedeutete, dass alle Genannten auf eine Ebene gestellt werden. 

Die Umrisszeichnungen Gina Plunders sind hinsichtlich der Angemessenheit der angewandten Technik zur Verwirklichung ihrer Bildinhalte vergleichbar. Das beschreibt einen Professionalitätslevel, weist ein reflektiertes Können nach und zerstört die seit dem 19. Jahrhundert so beliebte  Genievorstellung, dass eine herumknutschende Muse ausreichend wäre, damit ein Kunstwerk entsteht.

Also ist Gina Plunder eine Künstlerin, die über technische Fähigkeiten verfügt, um sie einzusetzen, damit ein Kunstwerk entsteht.

Gehen wir in ihren Arbeiten eine Schicht tiefer und fragen uns wenigstens, ob sie dort ähnlich technisch aufwändig gearbeitet hat. Wenn nämlich zwei identifizierbare Untergründe nur die rasche Folie für den Auftritt ihrer Protagonistin bilden, dann hätten wir darauf bei unseren späteren Überlegungen zum Inhalt dieser Kunst unbedingt zurückzukommen.

Untergrund 1 besteht aus konstruktiven Formen, die Gina Plunder als transparent angibt, so als hätte sich ein Skelettbau aufgelöst und nur die Fassadenscheiben seien übrig geblieben und schwebten für den Moment im Raum – noch in Formation, aber offenkundig haltlos. Durch perspektivische Ausrichtung schafft Gina Plunder aber auch einen Raumeindruck. Das Werk bekommt eine illusionäre Tiefe, das heißt, es gaukelt uns Dreidimensionalität vor. 
Macht nichts, denn das gibt es schon seit der Illusionsmalerei des Barock in sich dramatisch in den Himmel hinein verjüngenden Bildwerken, die den Hinweis auf das Paradies nahelegten, das am Ende dieser Verjüngung zu denken war. Da könnten wir jetzt stundenlang Beispiele etwa aus der venezianischen Malerei abrufen und mit dem Thema „disegno“ und „colore“ weitermachen und lägen dabei nicht einmal neben der Sache, sondern ganz schön nahe bei den Arbeiten Gina Plunders.

Bisher haben wir: Fragile Figuration vor transparenter Stereometrie frei schwebend. Gehen wir eine Schicht tiefer, dann sehen wir uns in das Reich von „Colore“ versetzt. Farben verteilen sich planlos über den Untergrund und nehmen eine Anmutung von Faltungen für sich in Anspruch. Wirklich „planlos“? Können wir das aufrechterhalten? Haben wir nicht vielmehr den Eindruck von einem innewohnenden Ordnungssystem, das, wäre es nicht vorhanden, keinen farbharmonischen Eindruck bei uns hinterließe?

Warum werden wir diese Schicht nicht als aggressiv, explosiv und dramatisch empfinden, sondern als spielerisch frei in einem Formen- und Farbenkanon, dessen Logik wir vielleicht nicht einsehen, dessen Botschaft wir aber schwerlich als negativ bestimmt wahrnehmen können.

Eine diffuse, aber nicht unfreundliche Schicht als Untergrund. Stereometrische Glaskörper in der nächsten Schicht und eine fragile Frauenperson oben drauf.
Das ist wohl alles absichtlich so geschehen, und sei es uns nur dadurch bekannt geworden, dass es ja mehrere Arbeiten dieses Zuschnitts gibt. 

Nun, Gina Plunder als vorzügliche Kunsttechnikerin entlarvt zu haben, ist würdig und verdienstvoll, aber so ganz befriedigend ist es doch noch nicht. Um die Frage „Was soll das Ganze?“ kommen wir nicht herum.

Fragen an ein Bild zu stellen, und zwar an jedes Bild, das wir sehen, ist der einzige Weg, um es zu verstehen. Einen Menschen starren wir ja auch nicht bloß an, sondern versuchen ihn 
– üblicherweise via Sprache – näher kennenzulernen.

Sprechen wir also mit den Bildern und warten wir darauf, was sie uns antworten.
„Sag mir doch ein bisschen mehr über dich“ schärft auf jeden Fall unsere Aufmerksamkeit für all das, was über die Schichten hinaus das jeweilige Bild ausmacht. 

Da balanciert die Frauenperson doch auf einem Ball, der nicht echt wirkt und genauso falsch zu sein scheint wie die Haltung der Dame, die die Bewegung nur vortäuscht. Der Tiefenraum wird hier durch eine Art Laufsteg gebildet.
Vorschlag: Den Laufsteg begreifen wir als Zeit, die Scheibe als Erde und das Frauenzimmer als eine, die sich auf diesem Parkett unsicher fühlt, aber so tut, als sei alles sicher. Nichts ist sicher: Die drei Ebenen sind nicht sicher, die Frau ist nicht sicher und deshalb ziemlich nach innen gewandt.
Allerspätestens müsste uns jetzt auffallen, dass die Heldin dieser Bildwerke eine fatale Ähnlichkeit mit der Künstlerin selbst aufweist.

Verdacht: Schlichte autobiographische Notizen. Die verunsicherte Wanderin zwischen den Welten, beispielsweise ihres Herkunftslandes und unserer Republik, die auch ihre geworden ist. Die verunsicherte Wanderin in einer Welt höchst fragiler Beziehungen, was augenblicklich selbst der größte Eigenbrödler merken müsste.  
Die Luftblasen als Unsicherheit, denn sie können platzen. Die Faltungen als Gegensatz zum allzu glatten? Architektur als historische Reminiszenzen.

Jetzt habe ich sie dort, wo ich sie haben will und wo diese Kunst auch hingehört. 
Das Persönliche geht ins Überpersönliche über. Die eigene Verunsicherung spiegelt die allgemeine. Der Zustand unserer Welt wird sichtbar. Auf einer Basis des Farb- und Formschönen, die nach einer Art Matrix organisiert zu sein scheint, stellt sich die Frage danach, wie wirklich die Wirklichkeit ist.
Diese Frage ist – denke ich – allemal spannend genug, damit wir uns und sich die Kunst von Gina Plunder damit beschäftigt. Mal ganz abgesehen davon ist all das hier hervorragende Malerei und es erstaunt kein bisschen, dass Gina Plunder international Beachtung in Ausstellungsstätten findet, die sich ihre Künstlerinnen und Künstler frei aussuchen können und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – höchst renommiert sind.

Andy Warhol, das Enfant sensible der Pop-Art, pflegte seine Grafiken verso mit dem Stempel zu versehen: „Fill in your own signature.“ Frei übersetzt: „Machen Sie dieses Werk zu Ihrem eigenen.“ 
Dazu haben Sie jetzt Gelegenheit!

© beim Autor

 

© Gina Plunder 2010